|
Arbeitsgemeinschaft für geschichtliche Landeskunde am Oberrhein e.V. (462.) Protokoll über die Arbeitssitzung am 16. Februar 2007Anwesend: Braungardt, Kurt, Karlsruhe; Braungardt, Isolde, Karlsruhe; Fahrenbruch, Rainer, Karlsruhe; Joos, Clemens, Freiburg; Klotz, Jeff, Remchingen; Krimm, Prof. Dr. Konrad, Karlsruhe; Lang, Susanne, Karlsruhe; Mühlan, Johannes, Sasbach; Mühlan, Ursula, Sasbach; Rödel, Prof. Dr. Volker, Karlsruhe; Roellecke, Elga, Karlsruhe; Roellecke, Prof. Dr. Gerd, Karlsruhe; Schillinger, Erich, Karlsruhe; Vortrag von Clemens Joos, Freiburg über Streiflichter auf Johannes Sattlers „Cronica von den Hertzogen von Zäringen, Stüffter der Statt Freyburg im Breyßgaw„ aus dem frühen 16. Jahrhundert [Folie] Ich danke Ihnen für die freundliche Einführung und die ehrenvolle Einladung, heute vor Ihnen sprechen zu dürfen. Ich tue das umso lieber, als der Leitgedanke Ihrer Arbeitsgemeinschaft, wie ihn Hansmartin Schwarzmaier 1985 herausgestellt hat – nämlich einerseits die Verankerung in der Landesgeschichte des Bundeslandes Baden-Württemberg, anderseits die Betrachtung historischer Räume wie den Oberrhein und die Faktoren historischer Bewusstseinsbildung in diesen Räumen – auch der Grundkonzeption meiner Dissertation entspricht. Freilich kann ich Ihnen daraus heute nur einige Grundgedanken in der durch die Vortragsform gebotenen Komprimierung vorstellen, eben einige Streiflichter auf Johannes Sattlers Chronik werfen. Am 24. Mai 1514 legte der Freiburger Münsterkaplan Johannes Sattler die Feder aus der Hand, nachdem er die lateinische Vorrede zu seiner Cronica von den Hertzogen von Zäringen, Stüffter der Statt Freyburg im Breyßgaw niedergeschrieben und datiert hatte. In der Vorrede gibt er über das Anliegen seiner Chronik Rechenschaft [Folie]: Das wier von unnsern nachkumennden unwissenheitter, auch hinlässiger schuldt befleckht nit geschuldiget unnd geurtheilt werdenn mögendt (dhweil unnser lebenn kurtz ist), gebürt sich, die geschichten unnser vätter und gutthätteren gegennwürttigen, auch künfftigenn inn geschrifft (zuo ewiger gedachtnus) anzezogen, anfenngkhlich vom ursprung der stüffter, stüfftung unnd regymennt der statt Freyburg im Breyßgaw bezwüngen ein kleine umbred zu thun. Der Terminus zuo ewiger gedachtnus, oder, wie es in der lateinischen Vorrede heißt, in perpetuam rei memoriam ist ein Schlüsselbegriff für das Verständnis des Textes. Er verweist auf das ‚Gedechtnus’-Projekt Kaiser Maximilians I., das retrospektive Überlieferungssicherung und prospektive Überlieferungsbildung gleichermaßen umfasste. So auch bei Sattler. Sein Blick richtet sich gleichzeitig auf die Väter und die Nachkommen, er überliefert nicht nur Geschichte, sondern auch Geschichtsbilder. Sattler schreibt intentionale Geschichte und formuliert damit ein Angebot historischer Identität für die Stadt Freiburg. An dieser Stelle setzt das Interesse meiner Dissertation ein. Ich versuche, Johannes Sattlers Chronik als Quelle in ihrer und für ihre Zeit zu lesen. Ich gehe dabei von den von Otto Gerhard Oexle im Anschluss an Durkheim, Weber und die Wissenssoziologie von Berger/Luckmann entwickelten Überlegungen über das Verhältnis von „Wissen„ und „gesellschaftlicher Wirklichkeit„ aus und frage, inwieweit das von Sattler vermittelte Geschichtsbild mit den politischen und verfassungsgeschichtlichen Realitäten in Freiburg zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Beziehung steht, die Sattler mit dem regymennt ja auch direkt anspricht. Denn bekanntlich war gerade die Umbruchszeit des 15. und 16. Jahrhunderts besonders sensibel für die Konstruktion gesellschaftlicher Identitäten. Ich erinnere an dieser Stelle nur an die unter humanistischem Einfluss erfolgte Identifizierung der Deutschen mit den Germanen oder der Eidgenossen mit den Helvetiern, oder auch den Tell-Mythos, mit denen die großen und nach wie vor gültigen nationalen Erzählungen konstruiert wurden. Ich werde also im Folgenden weniger aus der Chronik vortragen, als vielmehr über die gesellschaftlichen Hintergründe ihrer Entstehung und ihre Bedeutung sprechen und versuche dafür, die Ebenen der Historiographie und der verfassungsgeschichtlichen Realität aufeinander zu beziehen. Ich habe meinen Vortrag in fünf Kapitel eingeteilt [Folie]: Zunächst werde ich Ihnen die Chronik selbst vorstellen (I), anschließend auf den Chronisten und den historischen Hintergrund der Entstehung der Chronik eingehen (II). Sodann soll eine bemerkenswerte Bedeutungssteigerung der Zähringer zu Beginn des 16. Jahrhunderts zur Sprache kommen (III) und wichtige Aussagen der Chronik herausgestellt werden (IV). In einem letzten Abschnitt soll die Wirkungsgeschichte der Chronik kurz nachgezeichnet werden (V). [Folie] I. Der Chroniktext Johannes Sattlers Chronik ist in der Forschung nicht gut beleumundet. Sie ist unpräzise und seltsam, ist eben mehr Geschichtsreflexion als ein Kompendium städtischer Geschichte. Wer nach Fakten sucht, wird sie daher schnell beiseite legen. Worauf ist dieser schlechte Ruf zurückzuführen und worum geht es in der Chronik überhaupt? Beginnen wir mit der zweiten Frage und hier beim Titel. Die Cronica von den Hertzogen von Zäringen, Stüffter der Statt Freyburg im Breyßgaw behandelt dynastische und Stadtgeschichte, und das ist schon eine wichtige Feststellung. Denn sie spricht von der Geschichte der Stadt, indem sie von ihren Stiftern spricht. Damit korrespondiert ihr Kompositionsprinzip, das die Chronik, soweit ich sehe, unter den Städtechroniken einzigartig macht: Die Stadtgeschichte ist genealogisch gegliedert, die Geschichte der Stadt wird als genealogische Abfolge ihrer Stadtherren erzählt. Inhaltlich lässt sich die Chronik in fünf Teile untergliedern [Folie]. Sie beginnt mit einer lateinischen Vorrede. Auf sie folgt ein „reichsgeschichtlicher Vorspann„ über die späte Salier- und Stauferzeit. Dieser umfasst die sogen. „Kurfürstenfabel„ und die wunderbare Geschichte von der Geburt Kaiser Heinrichs III. Hier sind zwei Anknüpfungspunkte für die weitere Erzählung gegeben: Die angebliche Gründung Hirsaus durch Heinrich III. leitet über zur Gründung des Klosters St. Peter auf dem Schwarzwald; der staufisch-zähringische Ausgleich von 1098 wird zum Anknüpfungspunkt für die Zähringergeschichte. Ein zweiter Teil umfasst die Regierungszeit der Zähringer, die Gründung der Städte Freiburg, Bern und Freiburg im Uechtland und gibt den Text des vermeintlich zähringischen Freiburger Stadtrodels wieder. Ein dritter Teil behandelt die Regierung der Grafen von Freiburg von 1218 bis 1368 und inseriert abermals einen Rechtstext, den Schiedsvert rag zwischen Kommune und Graf aus dem Jahr 1300. Ein vierter Teil beschreibt die Zeit unter den Habsburgern als Stadtherren Freiburgs bis zur Gegenwart des Chronisten, bis zu Kaiser Maximilian I. Ein Stammtafelanhang umfasst schließlich all jene Habsburger vor dem Freiburger Herrschaftswechsel von 1368, die im Text nicht sinnvoll unterzubringen waren. Mit einer lateinischen ‚conclusio operis’ endet das Werk. Ein Leitthema, das die Chronik immer wieder anstimmt und das den Text strukturiert, ist der Gewinn und Verlust des Heiligen Grabes; und so wird Maximilian im Schlusswort zum Kreuzzug gegen die Türken und zur Wiedereroberung des Heiligen Landes aufgerufen. Die Chronik wurde 1698 erstmals von Johannes Schilter abgedruckt und dieser Druck 1978 nochmals, übrigens mangelhaft nachgedruckt [Folie]. Damit schien die Benutzung unproblematisch, was sie aber ganz und gar nicht ist. Neben Schilters Druck existiert nämlich eine nicht unerhebliche handschriftliche Überlieferung von immerhin 16 Textzeugen. Vergleicht man Handschriften und Druck, so wird deutlich, dass Schilter einen weitgehend überarbeiteten Text mitteilt. Der Straßburger Rechtslehrer Johannes Schilter [Folie] gilt in der Forschung als „Proto-Germanist„, und die meisten seiner Druckwerke machen ihm, auch aus heutiger Perspektive noch, durchaus Ehre. Was Sattlers Chronik anbelangt, müssen wir ihn aber aus dem Editoren-Himmel, in den er auf dem Kupferstich von 1728 gehoben wird, leider stürzen. Schilters Druck fehlen die Vor- und Nachrede der Chronik, ja er verschweigt den Namen Sattlers überhaupt; der Text ist sprachlich wie inhaltlich weitgehend überarbeitet. Die sprachlichen Eingriffe sind nachvollziehbar. Wie Sie selbst an dem eingangs zitierten Text feststellen konnten, ist Sattlers Syntax am Lateinischen orientiert, wirkt ausgesprochen unbeholfen und schwerfällig. Gleichwohl wird Sattlers Text durch Schilters Übertragung in die Sprache seiner eigenen Zeit verfälscht. Die inhaltlichen Zusätze in Schilters Abdruck lassen nur den Schluss zu, dass hier eine ganz andere Redaktion vorliegt. Leider lässt sich weder über den Zustand noch die Herkunft von Schilters Vorlage etwas aussagen, da sie seit 1698 verschollen ist. Nicht wenige Missverständnisse des Textes sind auf Hinzufügungen im Druck zurückzuführen, die Schilter nicht als spätere Zusätze kenntlich gemacht hat, die aus Sattlers Chronik aber ausscheiden müssen. Ich nenne dafür stellvertretend nur die kuriose Erzählung von den homophagischen Neigungen Herzog Bertolds V., für die Sattlers Chronik immer wiede r herangezogen wurde, die aber vermutlich auf das Konto Felix Hemmerlis zurückgeht. Die Beschäftigung mit Sattlers Text hat also nicht vom Druck, sondern von der handschriftlichen Überlieferung auszugehen, die sich über Archive und Bibliotheken in Freiburg, Karlsruhe, St. Paul im Lavanttal und Stuttgart verteilt [Folie]. Von den 16 erhaltenen Handschriften lassen sich vier zur Textkonstitution heranziehen, weitere 12 Texte stellen vor allem Zeugnisse der Rezeption dar. Der verlorene Autograph Sattlers lässt sich damit zwar nicht mehr rekonstruieren, aber immerhin kommt man ihm sehr nahe. Insgesamt lassen sich vier Redaktionen herausschälen, die zwischen 1514 und dem 18. Jahrhundert liegen [Folie]. Eine Edition der zweiten Redaktion werde ich im Rahmen meiner Dissertation vorlegen, und damit, wie ich hoffe, eine Grundlage für die zukünftige wissenschaftliche Beschäftigung mit Johannes Sattlers Text legen. Es mag an dieser Stelle die Frage aufkommen, ob uns Sattler denn heute überhaupt noch etwas zu sagen hat. Nun er hat, und das auch für die Geschichte der Zähringer selbst. An zwei Stellen überliefert uns Sattler Angaben, die wir bisher nicht kannten. Es handelt sich dabei um Personenamen bei der Gründung des Klosters St. Peter auf dem Schwarzwald. An einer dritten Stelle wird deutlich, worauf sich Sattler hier stützt: Es ist eine Handschrift aus St. Peter, die uns heute nur noch als Fragment im Stadtarchiv Freiburg unter der Signatur B1 Nr. 198 überliefert ist. Hermann Flamm hat sie entdeckt und 1916 publiziert. Jutta Krimm-Beumann hat überzeugend nachgewiesen, dass es sich dabei keineswegs, wie Flamm seinerzeit meinte, um ein Blatt des Rotulus Sanpetrinus handelt, sondern vielmehr um die letzten Reste eines weiteren Kopial- oder Traditionsbuchs des Klosters aus dem beginnenden 13. Jahrhundert. Mit Johannes Sattlers Hilfe, lässt sich nun also wenigstens an einer weiteren Stelle ein Blick in dieses, sonst verlorene Buch werfen. Und schließlich ist Sattlers Chronik eine Quelle zur Geschichte Freiburgs im beginnenden 16. Jahrhundert, und darauf werde ich im Folgenden nun weiter eingehen [Folie]. II. Der Chronist und die Entstehung der Chronik Beginnen wir mit dem Chronisten. Johannes Sattler immatrikulierte sich 1484 an der Universität Freiburg, mag also um 1470 geboren sein. Er stammte aus Balingen an der Zollernalb, wo die Familie der gesellschaftlichen Führungsschicht angehörte. 1497 beendete er sein Studium in Freiburg als Magister und hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Klerikerstelle an der Peterskirche in Weilheim an der Teck inne. In Weilheim hatte Bertold I. von Zähringern den ersten Versuch zur Gründung eines Hausklosters unternommen, das dann schließlich nach St. Peter auf dem Schwarzwald verlegt wurde. Was davon blieb, war ein Patronatsrecht des Abtes von St. Peter über die Weilheimer Kirche. Sattler wurde also Kleriker an einem zähringischen Traditionsort und war ganz offensichtlich über Empfehlung des Abtes von St. Peter nach Weilheim gelangt. Spätestens 1509 amtiert er hier als Pfarr-Herr. 1505 erhielt Sattler eine zweite kirchliche Pfründe, eine Kaplanei am Freiburger Münster. Vergegenwärtigt man sich kurz die Landkarte und die zeitgenössischen Reisebedingungen, so tut sich an dieser Stelle bereits eine Grundproblematik von Johannes Sattlers weiterem Leben auf: Selbstverständlich konnte er nur an einem Ort seinen Dienst versehen. Er zog zumeist Freiburg dem Ackerbürgerstädtchen Weilheim vor, was zu einigen galligen Briefe aus Weilheim Anlass gab. Er durfte sich dabei der massiven Protektion des Freiburger Rates erfreuen. In den Jahren 1513-1515 und vielleicht auch schon 1508-1509 übte Sattler in städtischem Auftrag das Amt des Fastenpredigers im Freiburger Münster aus. In dieselbe Zeit fällt seine historiographische Tätigkeit. Sattler war auch durchaus vermögend. In Weilheim tritt er 1499 unter den Stiftern des Chorgestühls auf [Folie], in Freiburg besaß er zeitweise zwei Häuser. Als er 1526 starb, vermachte er seinen Besitz dem Kloster St. Peter. An der Kanzel der Peterskirche in Weilheim besitzen wir möglicherweise eine Darstellung Sattlers [Folie]. Ich sage das mit etwas Vorsicht, denn die Zuschreibung beruht nur auf Indizien. An persönlichen Zügen ist nur wenig von Johannes Sattler überliefert: Bürgermeister und Rat der Stadt Weilheim loben sein leben und hailsame lere, er besaß also offenbar einen tadellosen Lebenswandel und war ein guter Prediger, worauf ja auch die wiederholten Berufungen zum Fastenpredigtamt in Freiburg hindeuten. Ein andermal erwähnt man in Weilheim, das sein will und naigung gen Friburg ze wonen standt, und in seiner Widmung lobt Sattler den guten Wein im Hause seines Mäzens. Johannes Sattler war also offenbar dem urbanen Leben und seiner Geselligkeit durchaus zugetan. In der 1514 datierten lateinischen Vorrede zu der Chronik weist Sattler das Bezugssystem auf, in dem sein Werk entstand. Er sei, so heißt es da, bei einem gemeinsamen Mahl von Ulrich Wirtner zur Abfassung seiner Chronik aufgefordert und auch vom Abt des Klosters St. Peter dazu ermuntert worden. Trotz anfänglichen Sträubens habe er daraufhin den Auftrag angenommen. Damit sind wir schon über einen wesentlichen Aspekt der Entstehung der Chronik informiert: Sie war ein Auftragswerk, und dieses Auftragswerk war ein höchst offizielles. Mit dem Freiburger Obristzunftmeister Ulrich Wirtner tut sich eine zentrale Gestalt der Freiburger Politik im Hintergrund der Chronik auf. Angefangen als Stadtschreiber, durchlief Wirtner eine rasante Karriere durch fast alle städtischen Ämter, und amtierte jahrelang als Obristzunftmeister und Münsterpfleger. Kaum eine städtische Aktion, an der Wirtner nicht beteiligt gewesen wäre. Als Münsterpfleger wirkte er maßgeblich an der Fertigstellung des spätgotischen Chorbaus mit, führte die Verhandlungen mit der Konstanzer Kurie über die Finanzierung, unterschrieb die Verträge für die Privatkapellen im Chorumgang und den Vertrag mit Hans Baldung-Grien für den Hochaltar. Auf der Rückseite der Predella dieses Altares hat Baldung Wirtner porträtiert [Folie]. Das Bild erinnert von der Komposition her an die Karlsruher Markgrafentafel, die Baldung fünf Jahre zuvor malte. Die Freiburger Tafel, die die Münsterpfleger in Anbetung der Mutter Gottes zeigt, ist wie diese ein Memorialbild. Ob die Reformierung des Franziskanerklosters oder die Aufklärung des Bundschuhs, ob Bauernkrieg oder Neues Stadtrecht, immer war Wirtner direkt oder indirekt an diesen städtischen Ereignissen beteiligt. Dabei treten zwei Eigenschaften von ihm deutlich hervor: Seine Fähigkeit zur Kommunikation, weshalb er als Verhandlungsführer, Ratsbotschaft und während der Reformation als Beisitzer in Religionsprozessen tätig wird. Und seine Fähigkeit, Anforderungen der Stadt und der Landesherrschaft miteinander in Einklang zu bringen. Diese Doppelloyalität ist auch darin begründet, dass er seit 1503 besoldeter Diener König Maximilians war. Auf dem Generallandtag der österreichischen Landstände 1518 sollte ihm als Abgesandtem der Breisgauer Städte sogar das diplomatische Kunststück gelingen, Maximilian in Geheimabsprachen eine Steuerermäßigung für die Breisgauer Städte abzuhandeln. Zweifellos war Ulrich Wirtner, den Sattler unter den consenatores deutlich hervorhebt, die treibende Kraft für die Abfassung der Chronik und der große Protektor, der schützend und fördernd seine Hand über den Münsterkaplan hielt. Wirtner dürfte Sattler Quellen aus dem Freiburger Archiv vermittelt haben und griff auch selbst zur Feder. Von seiner Hand stammt der „reichsgeschichtliche Vorspann„, der mit der zweiten Redaktion Eingang in die Chronik fand. Die zweite Person, die Sattler nennt, ist der Abt des Klosters St. Peter auf dem Schwarzwald. Seine Förderung Sattlers ist wegen der Funktion des Klosters als zähringisches Hauskloster von Bedeutung, und wie die Chronik zeigt, machte Sattler regen Gebrauch von der dortigen historischen Überlieferung. Leider nennt Sattler den Abt nicht mit Namen. Zwei Äbte kommen in Betracht: Peter III. Gremmelsbach und Jodokus Kaiser [Folie]. Unter beiden Äbten vollzog sich eine innere und äußere Neuausrichtung St. Peters. Auf Gremmelsbach ging der spätgotische Neubau des Klosters zurück, er ließ eine neue Zähringer-Sepultur anlegen und ordnete mit seinem ‚Liber vitae’ die Klostertradition neu. Abt Kaiser vollendete den seit Jahrzehnten betriebenen Vogteiwechsel des Klosters vom Markgrafen von Baden zum Haus Österreich. Damit verzichtete das Kloster endgültig auf sämtliche Ambitionen nach Reichsfreiheit und wählte den Weg in die Landsässigkeit und den habsburgischen Herrschaftsverband. Sowohl mit Wirtner als auch mit den Äbten von St. Peter nennt Sattler also zwei Bezugspunkte, die personell oder institutionell eng auf das Haus Habsburg bezogen waren. Den vielleicht wichtigsten Bezugspunkt seiner Chronik verschweigt Johannes Sattler dagegen. Und er tat dies so gründlich, dass er von der gesamten älteren Forschung nicht beachtet wurde. Erst Dieter Mertens gelang die Feststellung, dass Sattlers Chronik in großen Teilen mit Passagen im zweiten Buch der ‚Fürstlichen Chronick‚ Jakob Mennels übereinstimmt. Damit wird die Chronik unversehens in einen überregionalen, ja geradezu imperialen Zusammenhang gestellt. Von allen Freiburgern hat Mennel vielleicht die beachtlichste Karriere am Hof Maximilians absolviert. [Folie] In Bregenz geboren, kam er zum Studium der Jurisprudenz nach Freiburg und wurde hier Stadtschreiber, übrigens als Vorgänger Ulrich Wirtners in diesem Amt. Auf dem Bild aus dem die ‚Fürstliche Chronick’ ergänzenden ‚Zeiger’ sehen Sie ihn mit seiner stattlichen Familie. Auch dieses Bild weist übrigens einen überraschenden Bezug zu Baldungs Freiburger Hochaltar auf: Die Marienkrönung ist ein direktes Zitat aus dem Mittelbild des Altars [Folie]. Mennel war vor allem ein glänzender Vermarkter seiner selbst. Seine Karriere begann, wie es Karl Heinz Burmeister zutreffend formuliert hat, auf dem Freiburger Reichstag 1498, bei dem dem Stadtschreiber der feierliche Empfang der hoch gestellten Gäste zukam. Dank seiner Fremdsprachenkompetenz, kam Mennel während dieses Großereignisses immer wieder eine Schlüsselrolle zu. In den folgenden Jahren verstand er es, das Interesse Maximilians an seiner Person durch eine beständige Widmungspolitik von kleineren Schriften aufrecht zu halten. Mit der ‚Cronica Habspurgensis’ gelang ihm auf dem Konstanzer Reichstag schließlich der Durchbruch. Sie präsentierte Maximilian eine durchgehende habsburgische Stammlinie von den Flüchtlingen aus Troja bis zu den ersten habsburgischen Grafen, und zwar ohne einen Umweg über Rom zu nehmen. Das war tagespolitisch von Bedeutung, wollte Maximilan doch vom Konstanzer Reichstag weg zum Empfang der Kaiserkrone nach Italien ziehen und konnte kaum Interesse daran haben, dem selbstbewussten Renaissancepapsttum Zugriff auf seine Genealogie zu gewähren. Dass die habsburgischen Hofhistoriographen nach einer solchen geschlossenen Stammfolge bislang vergeblich gesucht hatten, war Mennel wohl bekannt. Den „Missing link„ fand er im Breisgau, in den Urkundenfälschungen des Klosters St. Trudpert. Mennel erhielt nun den Auftrag zu einem wahrhaft monumentalen Werk, der ‚Fürstlichen Chronick, Kaiser Maximilians Geburtspiegel genannt’. Wie der Name schon sagt, versteht sie sich als Teil der Spiegelliteratur, stellt also praktisch eine Summe der genealogischen Bezüge dar, in die Maximilian durch seine Geburt hineingestellt war. Auf dem Autorenbild aus dem ‚Zeiger’ ist dieser Spiegel, den die Bücher verkörpern, bildlich dargestellt [Folie]. Funktional sollte die Chronik Maximilians europäische Dimensionen erreichende Politik genealogisch hinterfangen. Methodisch machte sich Mennel, den man nicht unbedingt als Humanisten bezeichnen wird, die Innovationen des Humanismus zu eigen, indem er mit seinen Forschungen tatsächlich ad fontes zurückging. Das bedeutet einerseits: Er begnügte sich nicht mehr damit, das bisher Bekannte auszuschreiben, sondern löste es durch eigenes Quellenstudium ab. Auch das ist auf dem Autorenbild dargestellt: Mennel hat die Hand im Schwurgestus erhoben und autorisiert sein Werk gegenüber Maximilian und Erzherzogin Margarethe von Österreich. Nicht mehr die mittelalterlichen Autoritäten, sondern der neuzeitliche Autor bürgen für die Wahrheit des Geschriebenen. ‚Quellen finden’ kann dabei freilich auch ‚Quellen erfinden’ bedeuten. Wenn man die Lüge als Verneigung vor der Wahrheit bezeichnen kann, so wird man auch die Fiktion als Verneigung vor der neuen Methode verstehen können. Zum anderen folgte Mennel der Forschungspraxis der Humanisten und suchte für sein Vorhaben systematisch Klöster, ihre Archive und Grabstätten auf. Hatten die Klöster Jahrhunderte lang als Hüter adliger Memoria gegolten, so gerieten sie nun langsam unter den Generalverdacht der Humanisten, die Bücher hinter ihren Mauern als Gefangene zu halten. Wir können hier geradezu idealtypisch einen Ablösungsprozess greifen, mit dem die neue Elite der universitär gebildeten säkularen Gelehrten das mittelalterliche Hauskloster als Hüter der historischen Erinnerung – überspitzt formuliert: als Kompetenzzentrum für adlige Überlieferung – ersetzen. Mennel hatte seine wesentlichen Entdeckungen im Breisgau gemacht und dabei nebenbei auch die Zähringer aufgewertet: Wenn die ursprünglichen Habsburger im Breisgau beheimatet waren, dann mussten auch die Zähringer eine habsburgische Seitenlinie sein. Genau an dieser Stelle liegt der Berührungspunkt zwischen den Chroniken Mennels und Sattlers. Sattler schrieb sein Werk auf Grundlage der 1512/13 entstandenen ersten Redaktion von Mennels Chronik. In der Zusammenschau der Chroniken lässt sich dann folgendes Abhängigkeitsschema erstellen [Folie]. Die Übereinstimmungen der beiden Chroniken lassen aber auch darauf schließen, dass Sattler Mennel zuarbeitete und zwar namentlich für Quellen aus dem Umfeld Weilheims und vielleicht auch St. Peters. Was Mennel in großem Stil betrieb, lässt sich für Sattler im Kleinen nachvollziehen: Er suchte Klöster auf, suchte nach Grabstätten, trug Wissen über die Herzöge von Zähringen und Teck zusammen. Sattlers Chronik erhielt dadurch Anschluss an die Innovationen des historiographischen Betriebs im Umfeld des Kaisers. Erstmals lässt sich somit mit Johannes Sattler einer der ungenannten Mitarbeiter Mennels namentlich identifizieren. Und erstmals lässt sich mit Hilfe von Sattlers Chronik ein Blick in die sonst in diesen Teilen verlorene Erstredaktion von Mennels Werk werfen. Sattlers traditionsbildende Tätigkeit blieb aber nicht nur auf das Medium der Schrift beschränkt, sie hat auch bildlichen Ausdruck gefunden. Im Chor der Weilheimer Peterskirche befindet sich ein Stifterbild, das mit bau- und kunsthistorischen Argumenten um 1522 zu datieren ist, und deshalb auf Johannes Sattler zurückgehen muss [Folie]. Es zeigt auf der linken Seite den – vermeintlichen – Klostergründer Bertold II. von Zähringen und den Weilheimer Stadtgründer Graf Ulrich von Aichelberg im Gebet. Der Bezugspunkt ihrer Andacht auf der rechten Seite, vermutlich die Mutter Gottes und der Hl. Petrus, wurde in reformatorischer Zeit mit dem württembergischen Wappen übermalt. Original ist noch das Schriftband mit einem Wahlspruch, der uns bereits vorhin auf dem Stifterbild der Kanzel begegnet ist. Während Bertold dem oder den Heiligen ein Kirchenmodell dediziert, ist die Stadtgründung Graf Ulrichs sinnfällig durch den Bau der Stadtmauer im Hintergrund dargestellt. Bemerkenswert ist nun eine heraldische Beobachtung: Das Wappen Bertolds zeigt nämlich keineswegs den goldenen Zähringerlöwen auf rotem Grund, sondern vielmehr den roten Habsburgerlöwen auf goldenem Grund. Das ist keineswegs ein Zufall, sondern entspricht Sattlers und Mennels Titulierung der Zähringer als Habsburger. In seiner Chronik bezeichnet Sattler Bertold ausdrücklich als graffe Berchtoldt von Habspurg mit dem bartt. Als das Bild entstand, war Württemberg bereits unter österreichischer Verwaltung, die Anspielung also tagesaktuell. Nur in Parenthese sei erwähnt, dass die spätere Übermalung in württembergischer Zeit demgegenüber nochmals eine feine Pointe setzte: Denn mit den Tecker Wecken im Wappen, konnte sich der Herzog von Württemberg ebenfalls als legitimer Nachfolger der Zähringer verstehen. Bekanntlich hatten die Württemberger in ihrem Herzogsbrief von 1495 die Führung von Titel und Wappe n der Herzöge von Teck als eine Art Ersatz für den begehrten, aber nicht gewährten Titel eines Herzogs von Schwaben zugestanden bekommen. [Folie] III. Freiburg, Maximilian und die Zähringer Ich mache nun an dieser Stelle einen Schnitt und versuche den Blick nochmals zu weiten, indem ich auf die Stadt Freiburg und die Zähringer im Horizont des 16. Jahrhunderts eingehe. Freiburg war um 1500 eine Stadt von etwa 6.000 Einwohnern. Was sich bereits oben bei der Betrachtung zu St. Peter und bei den Karrieren Ulrich Wirtners wie Jakob Mennels abzeichnete, gilt für die Stadt ganz allgemein. Sie gewann zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine große Hofnähe. Aufgrund der Universität und personeller Netzwerke erhielt Freiburg nach Innsbruck und Augsburg eine ganz außerordentliche Bedeutung. Diese Position lässt sich auch an außergewöhnlichen Ereignissen ablesen. Dies begann mit einem, von der Forschung bisher kaum wahrgenommenen und auch nicht verwirklichten Plan Maximilians 1493, seine zweite Hochzeit mit Bianca Maria Sforza in Freiburg zu feiern. Man darf wohl davon ausgehen, dass die Stadt als Ausgleich für dieses entgangene Ereignis zum Austragungsort des Reichstags von 1498 bestimmt wurde. Der einzige Reichstag, der nicht in einer Reichsstadt oder freien Stadt stattfand. Das Reich zu Gast bei Freunden, zu Gast in der Provinz! Die Auswirkungen dieses Großereignisses auf die Stadt waren derart, dass zwei weitere Reichstage folgen sollten: 1510/11 und 1514/15. Beide scheiterten an der mangelhaften Vorbereitung. 1510 waren die Boten mit den Reichstagsmandaten noch nicht im Norden des Reichs angekommen, da war der Einberufungstag bereits verstrichen. 1515 blieb Maximilian in Italien gebunden. Gleichwohl hatte der Bischof von Trier in Freiburg bereits Quartier machen lassen. Die Stadt hatte neue Bauten errichtet und erhielt von Maximilian eine Entschädigung von 2.500 Gulden. Sie durfte sich als keine unbedeutende unter den Städten des Kaisers fühlen. Diese Reichstagsvorbereitungen bilden den unmittelbaren zeitgeschichtlichen Rahmen der Niederschrift unserer Chronik. Der Bedeutungszuwachs, den die Stadt unter Maximilian er fuhr, ließ offenkundig auch den Wunsch nach einer eigenen Chronik entstehen. Wenn Sattler in der Vorrede erwähnt, dass man über Ursprung, Handlung, Taten und Ende der Zähringischen Stadtgründer im Unklaren war (hesitaretur), so ist das durchaus ernst zu nehmen. Denn man muss sich vor Augen halten, dass die Quellensituation in Freiburg hinsichtlich der Zähringer ausgesprochen dürftig war. Die Zähringer haben zu ihren Lebzeiten keinen Otto von Freising hervorgebracht, der ihre ‚Gesta’ verfasst hätte. In Freiburg gab es eine liturgisch gestützte Jahrzeit für Herzog Bertold V., der im Münster begraben liegt. Wer Zugang zum Urkundenarchiv des Rates im südlichen Hahnenturm des Münsters hatte, konnte im Stadtrodel von 1218 nachlesen, dass die Stadt durch einen Zähringer Bertold gegründet worden war. Sehr viel mehr war dort freilich nicht zu finden. Die Stadt besaß so gut wie keine authentischen Überreste von den Zähringern und vor Sattler auch keine Zähringer-Historiographie. Das meiste, das Sattler zusammentragen sollte, entstammt daher auch nicht-städtischen Quellen. Angesichts dieser schlechten Überlieferungslage muss es auffallen, dass zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine regelrechte „Zähringer-Renaissance„ zu verzeichnen ist. Sie nahm ihren Anfang an ganz unterschiedlichen Orten und aus ganz unterschiedlichen Motivationen heraus, und sollte schließlich in Freiburg zusammenlaufen. Nur stichwortartig möchte ich auf die historiographischen Anstrengungen der eidgenössischen Orte hinweisen, insbesondere auf die Chronik Konrad Justingers in Bern, die Sattler als Vorlage gedient hat. Ein zweiter Faktor war die klösterliche Erneuerung in St. Peter und Weilheim. Dass in St. Peter unter Abt Gremmelsbach ein neuer Klosterbau errichtet, die Zähringer-Sepultur erneuert und der Konvent durch Historiographie und Liturgie erneut auf die Zähringer verpflichtet wurde, habe ich bereits erwähnt. Ich möchte dies mit Harald Müller als „Klosterhistorismus„ bezeichnen. Bereits zuvor war die Weilheimer Peterskirche von Grund auf neu erbaut worden, und zwar exakt 400 Jahre nach ihrer Erstweihe durch den Zähringer Bischof Gebhard von Konstanz. Die Erneuerung der Erinnerung kulminierte hier in dem bereits besprochenen Stifterbild. Schließlich sind die Anstrengungen der Historiographen Maximilians zu nennen, die sich seit der Jahrhundertwende fieberhaft bemühten, über die Zähringer einen genealogischen Weg nach Burgund zu finden, was, wie gesagt, Jakob Mennel am erfolgreichsten gelingen sollte. Bereits an dieser Stelle wird deutlich, dass sich die einzelnen Traditionsstränge der von mir so bezeichneten „Zähringer-Renaissance„ nicht nach einem einfachen Ursache-Wirkung-Schema entflechten lassen. Der Kirchenneubau in Weilheim ist sowohl von St. Peter aus, als auch von der territorialen Konsolidierung Württembergs unter Graf und Herzog Eberhard im Bart bestimmt. Über Sattler floss schließlich historiographisches Wissen in das Stifterbild ein. Auch andernorts traf Mennel bei seinen Klosterbesuchen auf Baustellen. In St. Cyriak in Sulzburg ließ Prior Georg Locher gerade die spätgotische Aufstockung der Kirche mit dem Einbau einer neuen Holzdecke abschließen. Im Kloster St. Trudpert lässt sich umgekehrt feststellen, dass am Ende des 16. Jahrhunderts bereits ein Stifterschrein vorhanden war, der auch diejenigen Klostergründer auswies, die Mennel erst erfunden hatte. Das neue Interesse des Hofes befruchtete also auch die Erinnerungsleistung der Mönche, Interesse von außen und monastische Memoria traten in kaum mehr zu entwirrende Wechselwirkungen zueinander ein. Alle diese Formen der „Zähringer-Renaissance„ liefen gewissermaßen in Freiburg, wo Jakob Mennel das „Basislager„ für seine Forschungen aufgeschlagen hatte, wo der Abt von St. Peter ein- und ausging, wo Johannes Sattler Kaplan war, zusammen. Auf die Zähringer musste man hier zwangsläufig aufmerksam werden, als im Zuge der Fertigstellung des spätgotischen Münsterchors im Jahr 1511 eine Verlegung des Grabmals Bertolds V. notwendig wurde [Folie]. Maßgeblich an dieser Verlegung beteiligt war der Münsterpfleger Ulrich Wirtner. Auch die Bemühungen um die Neufassung des Stadtrechts in den Jahren 1503-20 mussten unmittelbar auf die Zähringer hinführen, wird Bertold III. im Stadtrodel doch ausdrücklich als Stadtgründer angesprochen. Das Zasius'sche Stadtrecht nimmt dementsprechend ebenfalls auf die Zähringer Bezug. Nachdem Mennels Versuch, den Zähringer Gebhard von Konstanz unter die Heiligen des Hauses Habsburg einzureihen, gescheitert war, besann man sich in Freiburg auf einen anderen Heiligen mit Zähringer-Bezug: Auf den heiligen Lambertus, dessen Schädelreliquie der Zähringer Rudolf von Lüttich nach Freiburg gebracht hatte. Die Reliquie hatte sich zunächst auf der gräflichen Burg befunden. Da ihr die Erinnerung an die Grafen von Freiburg anhaftete, hatte sich kein städtischer Kult des Heiligen ausgebildet. Die Reliquie war, wie Sattler schreibt, nit ehrlich, alls sich gebürtt hette, [...] geehret worden. Ja noch im Jahr 1485 hatte man das alte Kopfreliquiar erbrochen, für eine Hostienmonstanz einschmelzen lassen und die Reliquie achtlos beiseite gelegt. Das Verhältnis zu Lambertus sollte sich im zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts jedoch plötzlich ändern: Die Münsterpfleger sammelten Geld für ein neues Ostensorium [Folie], das zu Ostern 1514 in einer feierlichen, von Sattler beschriebenen Prozession erstmals durch die Stadt getragen wurde. Erst seit diesem Ereignis lässt sich von einem Lambertuskult in Freiburg sprechen. In kurzer Folge figurierte der Heilige nun auf dem neuen Stadtrecht, in den Fensterscheiben der Kartause und auf Brunnen und wurde mit Gregor Sickingers Stadtprospekt Bestandteil der städtischen Ikonographie. Es wird Sie kaum verwundern, dass das hier gezeigte Ostensorium auf dem Boden eine Gravur trägt, die die Namen der damaligen Münsterpfleger und darunter auch den Namen Ulrich Wirtners nennt. Wir haben es also bei dieser „Zähringer-Renaissance„ mit einem Innovationsprozess zu tun, in dessen Verlauf aus recht unterschiedlichen Motiven heraus die Erinnerung an das damals seit 300 Jahren ausgestorbene Herzogsgeschlecht erneuert und zu einem Traditionsbestand der eigenen Gegenwart wurde. Durch Mennels Konstrukion waren die Zähringer zu Habsburgern geworden. Im Windschatten dieser Konstruktion konnten sich nun auch die zähringischen Memorialorte plötzlich als habsburgische Memorialorte verstehen und daraus einen besonderen Bezug zu diesem genealogisch denkenden Kaiser ableiten. Die Zähringer waren zu einem „symbolischen Kapital„ (Pierre Bourdieu) geworden. Ein solcher Memorialort war das zähringische Hauskloster St. Peter per definitionem, und das Kloster nutzte diese Funktion, um die offene Vogteifrage zu klären. Der Rat der Stadt Freiburg versuchte ganz offensichtlich, auch Freiburg als einen solchen Memorialort zu etablieren. Noch während Sattler schrieb, diktierte Maximilian seinem Sekretär Treitzsaurwein die bekannte ‚Weißkunig’-Passage, in der es heißt, und wo dem jungen weisen kunig also söliche gedächtnus anzaigt worden sein, hat er bevolen, dieselben gedächtnusn widerumb zu vernewen. War aus einer solchen Erneuerung einer Stiftung nicht auch politisches Kapital zu schlagen? Ich gehe davon aus, dass das Datum 1514, zu dem Sattler seine Chronik vollendete, mit den erwähnten Reichstagsprojekten in Verbindung steht. Die Chronik kulminiert nicht nur in lob und brisung keisser Maximilianne, also einem panegyrischen Lobpreis Maximilians. In der Überschrift zum Stammtafelanhang der Chronik beteuert Sattler nochmals, dass auch dieser Teil zun ehren kaiser M[aximilians] [...] hie angezeichnet sei, spielt also ausdrücklich auf die genealogischen Vorlieben des Kaisers an. Es wäre denkbar, dass man Maximilian die Chronik überreichen oder sie doch zumindest zur Grundlage für eine feierliche Rede oder dergleichen nutzen wollte. Freilich sollte es zu glanzvollen Auftritten des Kaisers in Freiburg nach 1514 nicht mehr kommen. Es lässt sich also festhalten, dass Johannes Sattlers Chronik nicht isoliert entstand, sondern das Substrat einer Wiederentdeckung, einer Renaissance der Zähringer in und um Freiburg darstellt. Den Ausgangspunkt dafür bildete offenbar die Tatsache, dass man in Freiburg über die Zähringer kaum etwas wusste, aber viel mit ihnen vor hatte. Die Chronik schuf erstmals einen festen Wissensbestand über die Zähringer. Gleichzeitig machte sie ein Diskursangebot an den Kaiser und seinen Hof; ein Diskursangebot, das man für die politische Kommunikation der Stadt mit dem Kaiser hätte nutzen können. [Folie] IV. Johannes Sattlers Chronik als „Intentionale Geschichte„ Fragen wir von diesem Ausgangspunkt aus nochmals intensiver nach dem Inhalt der Chronik, nach ihren Intentionen, dem Geschichtsbild und Selbstverständnis, kurz nach der Beschaffenheit der „Intentionalen Geschichte„ (Hans-Joachim Gehrke), die Johannes Sattler präsentiert. Und fragen wir nach den Nuancierungen, die die Chronik mit Mennels Chronik verbinden oder sie von ihr trennen. Beide Chroniken sprechen wie gesagt die Zähringer als Habsburger an. Bei Mennel ist der Text über die Zähringer in lange genealogische Stammreihen eingelassen, bei Sattler aus diesem Kontext herausgeschnitten und auf die Stadt fokussiert. Damit gab Sattler auch das komplizierte Text-Bild Schema von Mennels Handschrift auf. Statt dessen zeigen die erhaltenen Handschriften, und zeigte wohl auch schon Sattlers Autograph feine Federzeichnungen, deren Einbindung in den Text eher an den zeitgenössischen Buchdruck erinnert. Anfang und Schluss des Textes wurden von Sattler durch die lateinische Vor- und Nachrede neu akzentuiert. Durch die Bezüge auf das Heilige Grab wurde der Text auch inhaltlich neu strukturiert und darüber hinaus an einigen Stellen erweitert; so namentlich durch die Einfügung der Vita des Heiligen Lambertus und der Translation seiner Reliquie, was für Mennel weitaus weniger interessant war als für die Stadt. Sattler hat sich Mennels Text also durchaus selbst anverwandelt. Weder Mennel noch Sattler nehmen ein Blatt vor den Mund, wenn es um die Bewertung der spätmittelalterlichen Friktionen zwischen der Kommune und den Grafen von Freiburg geht. So finden wir in beiden Chroniken etwa die Schilderung von der Ermordung des Straßburger Bischofs Johannes von Lichtenberg, die städtischer, keineswegs fürstlicher Perspektive entspricht. Wie Mennel berichtet auch Sattler, dass Freiburg einst Reichsstadt gewesen sei, womit er sich auf die Jahre 1415-27 nach der Ächtung Herzog Friedrichs IV. auf dem Konstanzer Konzil bezog. Dieser Erwähnung wäre keine weitere Bedeutung beizumessen, wenn die Breisgauer Städte nicht unter Hinweis auf eben diese reichsstädtische Vergangenheit ihren Anspruch auf die Ableistung des Landvogteieids begründet hätten. Das bedeutete, dass beim Huldigungszeremoniell der österreichische Landvogt namens der Herrschaft den Städten zu schwören hatte, ihre Freiheiten zu wahren, und zwar – und das ist wichtig – bevor Bürgermeister und Rat den Eid auf die Herrschaft ablegten. Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts gelang es der Landesherrschaft, dieses, in den gesamten österreichischen Erblanden einzigartige Vorrecht zurückzudrängen. Wir haben hier also eine Schnittstelle zwischen historiographischem Wissen und der Gestaltung verfassungsgeschichtlicher Realität vor uns. Angesichts dieser Beobachtung gewinnt es an Bedeutung, dass Sattler zwei Rechtstexte in seine Chronik einflicht, die Mennels Chronik nicht aufweist. Den vermeintlich Zähringischen Stadtrodel und die Sühne mit dem Grafen von Freiburg von 1300. Alleine quantitativ nehmen diese Texte außerordentlich viel Raum ein: Zusammengerechnet ergeben sie 18 von 63 Folien Chroniktext, machen also fast ein Drittel der Chronik aus. Beide Texte sind Schlüsseldokumente für die Freiheit der Kommune: Das Stadtrecht eo ipso, der Schiedsvertrag, weil er eine Kompetenzverteilung zwischen Graf und Stadt, wie etwa bei der die Ungelterhebung, festschrieb. Noch mehr als Mennel insistiert Sattler also auf den Rechten der Kommune. Dieses Beharren ist kein Zufall, sondern vielmehr eine Reaktion auf zeitgeschichtliche Erfahrungen, begannen doch die österreichischen Regierungen in Ensisheim und Innsbruck zu gleicher Zeit, in Freiburger Rechtskompetenzen hineinzuregieren. Der Machtzuwachs der Regierungen war eine Folge von Maximilians Verwaltungsreformen, die der administrativen Durchdringung und Verdichtung der habsburgischen Länder und ihrer Verfassungsstrukturen dienten. In Freiburg sollte man diese Tendenz während der mehr als 15jährigen Verhandlungen um das ‚Neue Stadtrecht’, bei denen die Ensisheimer und Innsbrucker Regierungen immer und immer wieder landesherrliche Rechtsvorbehalte geltend machten, schmerzlich zu spüren bekommen. Selbst die kaiserliche Bestätigung des Stadtrechts im Jahr 1520 erfolgte nur nach Ausstellung eines handschriftlichen Schadlosbriefs der Stadt gegenüber der Herrschaft. Dieser Schadlosbrief befindet sich heute noch im landesherrlichen Exemplar des Rechts, das hier im Haus verwahrt wird. Er wurde von der Freiburger Forschung aber bisher kaum wahrgenommen. Aufmerksamer war da der Innsbrucker Schatzregistrator Ulrich Putsch, der auf diesen Rechtsvorbehalt seiner Herrschaft gegenüber der Stadt in seinem Repertorium über das Innsbrucker Schatzarchiv ausdrücklich hinwies. Zu Dissens über das Gebaren der Räte kam es aber schon im Jahr 1508, noch ehe die Ensisheimer Regierung recht eigentlich installiert war, wegen Übergriffen gegenüber einem Freiburger Bürger. Zunächst wurde verhandelt, als Ratsbotschaft entsandte man nach Ensisheim – Sie werden es schon ahnen – Ulrich Wirtner. Dann folgte ein ausführlicher Beschwerdebrief. Der Rat führte beredt Klage: Hörten die Übergriffe nicht auf, könne die Stadt by stattlichem wesen nit pliben. Man bat, das man unns mit sölhen beswärungen nit begegnette, sonnder by unnserm pruch und harkomen bliben ließ, und mutmaßte unverhohlen, dass die Regierungsräte ohne kaiserliches Mandat handelten: Werde Maximilian von der Angelegenheit erfahren, so zweifle man nicht, sein gemut werd dheins wegs sin, unns dermassen besweren zü laussen, es sei also keineswegs der Wille des Kaisers, die Stadt mit derartigen Beschwernissen zu begegnen. Der Freiburger Rat versuchte mithin, den Kaiser gegen seine Räte auszuspielen. Vor dem Hintergrund dieser aktuellen Fragen wird die Inserierung der Rechtstexte in Sattlers Chronik verständlich, zumal mit der Person Ulrich Wirtners eine direkte Verbindung zwischen städtischer Politik und historiographischer Darstellung gegeben ist. Nach städtischem Verständnis hatte der Landesherr „Schutz und Schirm„ auszuüben und die Stadt nicht mit „Beschwerungen„ heimzusuchen. Johannes Sattlers Chronik spiegelt an dieser Stelle also städtische Perspektive; ja im Vergleich zur ‚Fürstlichen Chronick’ Mennels machen diese Rechtstexte Johannes Sattlers Chronik erst eigentlich zu einer Stadtchronik. An dieser Stelle wird deutlich, dass neben den historiographischen Innovationen am Hof Maximilians noch eine andere Triebfeder ausschlaggebend für die Niederschrift der Chronik wurde: Die Erfahrung der administrativen Verdichtung der österreichischen Erblande zu Beginn der Frühen Neuzeit. Die Abwehr dieser Maßnahmen stand der grundsätzlichen Bindung der Stadt an die habsburgische Landesherrschaft nicht im Wege, aber sie fügte der Beziehung zu den habsburgisch-zähringischen Stadtherren eine spezielle städtische Note hinzu. [Folie] V. Wirkungsgeschichte der Chronik Eine unmittelbare Nutzanwendung von Johannes Sattlers Chronik lässt sich nicht nachweisen, was aber teilweise auch ein Quellenproblem ist, da uns für diesen Zeitraum die Freiburger Ratsprotokolle fehlen. Erst 1528 lässt sich eine Indienstnahme der Zähringer in den Missiven, also in der politischen Korrespondenz der Stadt nachweisen. In diesem Jahr engagierte sich der Freiburger Rat für den Abt von St. Peter bei der Stadt Bern, die sich des sanpetrinier Priorats Herzogenbuchsee bemächtigt hatte [Folie]: Der Berner sollten doch, so heißt es in diesem Schreiben, in ansehung und betrachtung erster fundation und begabung wyland der hochgebornnen fursten und herren der hertzogen von Zeringen, die in St. Peter begraben liegen und Herzogenbuchsee dem Kloster gestiftet hätten, solichen iren lezten willen und wolmeynung wie bitzhar furgon lassen und sein, hern apts begeren militgklich erhoren. Durch dieses Schreiben wird bestätigt, was ich bisher nur postulieren konnte: Die Zähringer wurden nun tatsächlich Bestandteil der politischen Kommunikation. Das Bewusstsein, zähringischer Memorialort zu sein, sollte Gemeinsamkeit stiften. Geschichte wird zum Argument, Herkommen zum „symbolischen Kapital„. Der Fortgang der Angelegenheit verdeutlicht aber zugleich, dass diese Argumentation 1528 schon nicht mehr verfing, denn die Berner ließen sich darauf nicht ein. Der mittelalterliche Konnex zwischen Stiftung, Stifterwille und Memoria, auf dem die ganze Freiburger Geschichtskonstruktion aufruhte, war durch die Reformation aufgelöst worden. Dafür wurde das Zähringer-Wissen in Freiburg zu einem festen Bestandteil städtischer Repräsentation: Man überließ Sattlers Chronik 1549 dem Kosmographen Sebastian Münster und stellte das städtische Zähringerherkommen mit diesem wahrhaft universalen Werk aller Welt vor Augen. Man überschrieb 1589 den Stadtprospekt Gregorius Sickingers mit Distichen über die zähringisch-habsburgische Stadtherrschaft, die auf Sattlers Werk beruhten. Und man ließ David Wolleber auf der Grundlage von Johannes Sattlers Chronik eine repräsentative Chronik und einen nicht minder repräsentativen Stammbaum verfertigen, der das Zähringer-Wissen für jeden sichtbar visualisierte [Folie]. Die Zähringer rückten damit ins Zentrum des städtischen Repräsentationsverhaltens. Auf die Rezeptionsgeschichte der Chronik möchte ich nun nicht mehr im einzelnen eingehen. Der Druck Schilters aus dem Jahr 1698 und vor allem das 18. Jahrhundert brachten nochmals Rezeptionswellen der Chronik, die sie in zahlreiche Freiburger Bürgerhäuser trug. Im 19. Jahrhundert finden wir sie sogar in der dörflichen Stube einer Schusterfamilie bei Donaueschingen. Hansmartin Schwarzmaier hat die wichtige Rolle herausgestellt, die die Zähringer im 18. und 19. Jahrhundert beim Übergang des Breisgaus an Baden gespielt haben. In Freiburg lässt sich das an zwei Monumenten verdeutlichen, die nur wenige Jahre auseinanderliegen und von demselben Bildhauer Franz Xaver Hauser stammen: Die spätbarocken Chorschranken im Freiburger Münster [Folie], die nun die Zähringer Herzöge demonstrativ in diesem Gotteshaus versammelten, und der frühklassizistische Bertoldsbrunnen [Folie]. Bertold schaute hier nach Norden, über die Zähringer Burg hinweg nach Karlsruhe. Die Inschriften hoben auf die Stadtgründung und die Erhaltung der Universität ab, noch bevor der Großherzog darüber entschieden hatte. Abermals werden die Zähringer zu einem symbolischen Kapital in der politischen Kommunikation. Uns soll daran nur noch interessieren, dass beide Monumente auf Sattlers Chronik aufbauen: Hier wie dort wird Herzog Konrad als Erbauer des Freiburger Münsterturms ausgegeben, ein Anachronismus, den Johannes Sattler in die Welt gesetzt hatte. Der kritische Johann Daniel Schöpflin erwähnte Sattlers Chronik dagegen nur einmal und zwar bezeichnender Weise dort, wo sie ältere Quellen durchscheinen lässt. Ich fasse zusammen: Johannes Sattlers Chronik entstand im Jahr 1514 und ist angeregt von den historischen Konstruktionen im Umfeld Kaiser Maximilians, namentlich von der ‚Fürstlichen Chronick’ Jakob Mennels, zu der sie parallel entstand. Nachdem Mennel die Zähringer zu Habsburgern erklärt hatte, wurden diese zu einem „symbolischen Kapital„ für Orte mit Zähringer-Tradition. Die auffallende Häufung von auf die Zähringer ausgerichteten Aktivitäten sind in diesem Lichte zu sehen. Johannes Sattlers Chronik lässt sich als Substrat dieser „Zähringer-Renaissance„ bezeichnen. Gleichzeitig schuf sie ein zuvor nicht vorhandenes Zähringer-Wissen und formulierte eine historische Identität für die Stadt Freiburg. Dem, wie der Titel schon sagt, fürstlichen Werk Mennels stellte Sattler selbstbewusst einen eigenen Entwurf städtischer Identität zur Seite. Er übernimmt von Mennel die Ausrichtung auf Kaiser Maximilian, die auch den persönlichen Bindungen von Sattlers Umfeld an den Hof entspricht. Über die „habsburgischen„ Zähringer werden Stadt und Landesherrschaft eng aufeinander bezogen, die Stadtgeschichte förmlich in die Genealogie des Kaisers eingeschrieben. Durch die Rückschreibung dieser Beziehung zwischen Stadt und Herrscherhaus in die Vergangenheit wird sie zugleich für die Gegenwart gefestigt. Aber Sattlers Chronik fügte auch eine spezielle auf die rechtliche Autonomie der Stadt ausgerichtete Note in dieses Vergangenheitsbild ein, indem sie die erworbenen und der Stadtherrschaft abgetrotzten Rechte der Kommune herausstellte und damit auf deren Infragestellung reagierte. Wirft man also nochmals die eingangs gestellte Frage nach dem Verhältnis von historiographischem Wissen und verfassungsgeschichtlicher Realität auf, so lässt sich feststellen, dass die Chronik die Bedeutungssteigerung der Stadt Freiburg in der Herrschaftszeit Maximilians refle ktiert, die an Maximilians Hof vollzogenen historiographischen Innovationsprozesse rezipiert, und auf die Erfahrung der territorialen Verdichtung zu Beginn der Frühen Neuzeit reagiert. Zugleich formulierte sie das Selbstverständnis der Stadt gegenüber der Landesherrschaft. Auffällige Bezüge auf Maximilian lassen die Vermutung zu, dass die Chronik zur Übergabe an den Kaiser selbst bestimmt war und tatsächlich auch als „symbolisches Kapital„ in der politischen Kommunikation zwischen Stadt und Hof dienen sollte. Nachweisen lässt sich ein solcher Gebrauch indes nicht. Letztendlich spielt dies auch keine Rolle. Entscheidend ist, dass die Stadt sich von nun an als Zähringerstadt begriff, die Zähringer zunehmend in das Zentrum der städtischen Repräsentation stellte und über diese Vergangenheit ihre eigene Position in dem immer größer werdenden habsburgischen Länderverband definierte. Was heute jedem Freiburger Kind bekannt ist, dass Freiburg eine „Zähringer-Stadt„ ist, geht also auf eine bewusste retrospektive Konstruktionsarbeit im 16. Jahrhundert zurück. Auch wenn es sich nicht um eine „Erfindung„ sondern nur um eine „Auffindung„ von Vergangenheit handelte, lässt sich für Freiburg von einer „Invention of Tradition„ (Peter Burke) sprechen. Die in Sattlers Chronik zum Ausdruck kommende Anbindung der städtischen Politik an die Landesherrschaft sollte wenige Jahre später auch das Verhalten des Freiburger Rates gegenüber der Reformation bestimmen. Vornehmlich aus politischen Gründen, nämlich um die Bindung an das Haus Habsburg nicht in Frage zu stellen, lehnte man die Lehre Luthers hier so rasch wie entschieden ab. Und es waren genau die Personen aus dem Umfeld der Chronik – Ulrich Wirtner, Jodokus Kaiser, Johannes Sattler – die als Protagonisten der alten Lehre auftraten. Ich füge das hier an, um zu betonen, dass die Rede von städtischer Identität keine Worthülse ist, sondern vielmehr diejenigen Dispositionen aufweist, aus denen heraus historische Entscheidungen von großer Tragweite getroffen wurden. Und dass aus der Aufrechterhaltung dieser Identität unter Umständen blutiger Ernst werden konnte. Johannes Sattlers Chronik ist also eine Sonde, die sich an die städtische Identität in Freiburg in den ersten beiden Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts anlegen lässt. An dieser Stelle könnte ich meinen Vortrag eigentlich schließen. Gestatten Sie mir aber noch einen kurzen Epilog aus aktuellem Anlass. [Folie] Die Leithandschrift von Johannes Sattlers Zähringerchronik wurde 1803, fast auf den Tag genau einen Monat vor dem Reichsdeputationshauptschluss dem Kloster St. Peter auf dem Schwarzwald – man darf getrost sagen: – abgepresst. Sie zählt mithin zu denjenigen Karlsruher Handschriften, die derzeit zur Disposition stehen. In den vergangenen Monaten ist viel über Handschriften und Landesidentität gesprochen worden, und mitunter war zu hören, „die Handschriften in ihrem Tresor„ hätten mit der „Entwicklung eines historischen Bewusstseins und der persönlichen und gesellschaftlichen Identität„ kaum etwas zu tun (so beispielsweise der Redakteur Franz Schmider in der Badischen Zeitung vom 27. September 2006). Ich hoffe, dass mein heutiger Vortrag deutlich gemacht hat, welche wichtige Rolle Handschriften wie jene von Johannes Sattlers Zähringerchronik bei der Konstruktion regionaler Identitäten gespielt haben. Wir brauchen ‚die Handschriften in ihrem Tresor’, auch noch die frühneuzeitlichen, um uns – durchaus kritisch – über die Gewordenheit heutiger Landesidentitäten und mancher ihrer Eigenheiten Rechenschaft geben zu können und uns damit der Herkunft unseres eigenen Denkens und Handelns zu vergewissern. Ich möchte daher an Sie alle appellieren, die Bemühungen der Landesregierung und unseres Ministerpräsidenten um einen Erhalt der badischen Handschriften nach Kräften zu unterstützen. Die Leithandschrift zu Johannes Sattlers Chronik liegt mittlerweile länger in Karlsruhe, als sie je im Kloster St. Peter war. Helfen Sie bitte mit, dass das auch in Zukunft so bleibt. DISKUSSION Die Diskussion wurde aus technischen Gründen nicht aufgezeichnet. |